Wie Dein innerer Dialog über Dein Selbstbewusstsein entscheidet
Du bist 11 und heute bist Du ausgelacht worden. Im Deutschunterricht. Du hast Dich gemeldet, ein Wort falsch ausgesprochen – und plötzlich lacht die ganze Klasse.
Auch in der Pause hörst Du die Sprüche und das Gelächter. Du möchtest im Erdboden versinken. Zur Schule musst Du trotzdem. Im nächsten Deutschunterricht meldest Du Dich seltener. Eine Woche später gar nicht mehr. Zu groß ist die Gefahr, wieder ausgelacht zu werden.
Was wie eine kleine Szene beginnt, wird zu einer inneren Schlussfolgerung: Wenn ich mich zeige, werde ich bloßgestellt.
Wenn eine Erfahrung zum inneren Gesetz wird
Du ziehst Dich zurück, wirst leiser und meldest Dich auch in anderen Fächern kaum noch. Deine schriftlichen Noten bleiben gut, die mündlichen werden schlechter. Halbjahr für Halbjahr festigt sich ein Bild von Dir: Du bist eben nicht diejenige, die vor anderen spricht.
Jahre später beginnst Du nach dem Studium Deinen ersten Job. An die Schulstunde denkst Du längst nicht mehr bewusst. Dann nimmst Du an einem Programm zur Führungskräfteentwicklung teil. Die Seminarsituation erinnert an Schule – und plötzlich ist das alte Gefühl wieder da: Was, wenn mich jemand auslacht? Was, wenn ich mich blamiere?
Also bleibst Du still. Nicht, weil Du nichts zu sagen hättest. Sondern weil ein alter innerer Satz noch immer das Steuer in der Hand hält.
Der Elefant am Pflock
Der argentinische Autor und Psychotherapeut Jorge Bucay erzählt das Bild eines Zirkuselefanten: Ein mächtiges Tier steht an einem kleinen Holzpflock. Es wäre stark genug, sich zu befreien – und versucht es trotzdem nicht, weil ihm das Selbstbewusstsein dafür fehlt.
Als junges Tier war der Elefant an einen festen Pflock gebunden. Damals zog und kämpfte er, doch er war noch zu schwach. Irgendwann gab er auf. Später ist er groß und kraftvoll, aber in ihm lebt noch die alte Überzeugung: Ich kann mich nicht befreien.
Der Pflock hält ihn nicht mehr durch seine tatsächliche Stärke. Er hält ihn durch eine Erinnerung, die nie wieder überprüft wurde.
Auch wir tragen solche Pflöcke in uns
Vielleicht wurde Dir einmal vermittelt, dass Du nicht klug genug, nicht schlagfertig genug oder nicht selbstbewusst genug bist. Vielleicht hast Du Dich gezeigt und wurdest verletzt. Vielleicht bist Du gescheitert, als Dir noch Erfahrung, Wissen oder Unterstützung fehlten.
Aus einem Ereignis kann ein Glaubenssatz werden:
- Ich kann nicht vor Gruppen sprechen.
- Ich darf keine Fehler machen.
- Meine Meinung ist nicht wichtig.
- Wenn ich sichtbar werde, werde ich abgelehnt.
- Andere können das besser als ich.
Solche Sätze klingen irgendwann nicht mehr wie Gedanken. Sie klingen wie Fakten. Genau darin liegt ihre Macht.
| Dein innerer Dialog beschreibt nicht nur Deine Welt – er gestaltet Deinen Handlungsspielraum. |
Du bist heute stärker als damals
Der entscheidende Punkt ist: Die Version von Dir, die damals nicht weiterkam, ist nicht die Version von Dir, die heute handeln kann. Du hast gelernt, Erfahrungen gesammelt und schwierige Situationen bewältigt. Doch Dein innerer Dialog arbeitet häufig noch mit alten Daten.
Deshalb geht es nicht darum, Dir einzureden, dass alles leicht ist. Es geht darum, alte Gewissheiten zu prüfen und damit Dein Selbstbewusstsein zu stärken. Ist der Pflock wirklich noch fest? Oder hast Du nur lange nicht mehr daran gezogen?
Vier Schritte, um Deinen inneren Dialog zu verändern
1. Höre Deinen automatischen Sätzen zu
Achte besonders auf Gedanken, die mit „Ich kann nicht“, „Ich bin eben so“ oder „Das geht bestimmt schief“ beginnen. Schreibe sie auf. Ein unbewusster Satz verliert bereits an Macht, wenn Du ihn erkennst.
2. Trenne Erfahrung und Wahrheit
Frage Dich: Was ist damals tatsächlich passiert – und welche allgemeine Regel habe ich daraus gemacht? Eine schlechte Erfahrung ist ein Ereignis. Sie ist kein Urteil über Deine Zukunft.
3. Suche nach Gegenbeweisen
Wann warst Du mutig, obwohl Du Angst hattest? Wann hast Du etwas gelernt, das Dir zunächst schwerfiel? Wann wurde Dein Beitrag gehört und geschätzt? Diese Erinnerungen zeigen Deinem Gehirn, dass die alte Geschichte nicht die einzige mögliche Geschichte ist.
4. Zieh heute ein kleines Mal am Pflock
Du musst nicht sofort die große Rede halten. Stelle im Meeting eine Frage. Teile eine Idee mit einer vertrauten Person. Melde Dich einmal zu Wort. Mut wächst nicht durch Grübeln, sondern durch neue Erfahrungen.
Welchen Satz willst Du ab heute glauben?
Dein innerer Dialog entscheidet nicht allein über Erfolg oder Misserfolg. Aber er gibt Auskunft über Dein Selbstbewusstsein und entscheidet oft darüber, ob Du Deine Fähigkeiten überhaupt einsetzt, ob Du Chancen ergreifst und ob andere Dich mit Deinen Ideen erleben können.
Vielleicht ist die alte Angst noch da. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Du musst sie nicht bekämpfen. Du kannst ihr zuhören und ihr zugleich eine neue Antwort geben: Damals war ich klein und machtlos. Heute habe ich Möglichkeiten. Heute darf ich es noch einmal versuchen.
Der erste Schritt in die Freiheit ist manchmal kein großer Sprung. Manchmal ist es nur ein vorsichtiges Ziehen an einem Pflock, der längst nicht mehr so fest sitzt, wie Du glaubst.
So wie dem 11jährigen Mädchen aus dem Beispiel ging es einer Coachee von mir. Im Coaching wurde schnell klar, an welchen „Pflock sie sich gebunden fühlt“. Die Geschichte vom Elefant habe ich ihr erzählt und gegen Ende des Coachings haben wir ein Spiel gespielt und dabei herzhaft gelacht: Wer hat die peinlichste Geschichte seiner Kindheit auf Lager? Denn mit Humor entlarvt man besonders schnell seine Glaubenssätze.
Zum Nachdenken
- An welchen „Pflock“ fühlst Du Dich heute noch gebunden?
- Welche frühere Erfahrung steckt hinter diesem Gefühl?
- Welche Stärke besitzt Du heute, die Du damals noch nicht hattest?
- Welchen kleinen Versuch kannst Du in den nächsten 24 Stunden wagen?
Mehr Infos zum Thema Selbstbewusstsein stärken und Coaching mit mir findest Du hier.
Quellenhinweis: Das Bild des angeketteten Elefanten geht auf eine Erzählung von Jorge Bucay in „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ zurück. Es wurde hier sinngemäß wiedergegeben.